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Umgang mit dem Tod - Wie ich die Sterbebegleitung meines Vaters hautnah erlebte und was ich daraus gelernt habe

fotocredit: tinyblueplanet

Dies ist mein persönlichster & intimster Blogpost, den ich bis jetzt geschrieben und veröffentlicht habe.
Mit diesem Artikel lasse ich dich an meinen Erfahrungen teilhaben, welche ich während des Sterbeprozess' meines Vaters gemacht habe. Ich begleitete ihn zusammen mit meiner Mutter, meinem Bruder und unseren eigenen Familien in seiner letzten Lebensphase sehr eng.

 

Warum teile ich diese intimen Momente mit dir? - Weil das Thema Tod & Sterben in unserer Gesellschaft leider immer noch ein grosses Tabuthema ist und die meisten von uns einfach nicht darüber reden. Es gibt viele Gründe, warum das so ist: Ängste, Unbehagen, Überforderung, Desinteresse, Verdrängung oder einfach, weil wir nie gelernt haben darüber zu sprechen?… Themen wie: älter werden, schwächer werden, langsamer werden und sterben sind in einer leistungsorientierten Gesellschaft oftmals kein Thema. Oder wir Menschen möchten einfach nicht damit konfrontiert werden, so lange es uns gut geht.
Dabei ist es die unumstösslichste Realität von uns allen, dass unser irdisches Dasein irgendwann mal enden wird. Die logische Konsequenz unmittelbar nach jeder Geburt, dass das Leben früher oder später einfach mal enden wird.

 

Darum möchte ich das Tabu brechen und offen und direkt darüber reden. Denn trotz des traurigen Umstands, dass mein geliebter Vater mittlerweile gestorben ist, war es für mich eine der tiefsten und bereicherndsten Erfahrung meines Lebens; und diese möchte ich mit dir teilen.
Bedenkt: den eigenen Tod, den stirbt man nur.
Doch mit dem Tod der anderen muss man leben.

 

Masha Kaléko
Erst als meine beiden Eltern gegen die 80 Jahre Leben zusteuerten, wurde mir so richtig bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit gross sein wird, dass das Thema Sterben & Tod der eigenen Eltern in den nächsten 10 Jahren wohl unaufhaltsam auf mich, meinen Bruder und unsere eigenen Familien zukommen würde. Ich fragte mich immer wieder:
  • Wie werde ich reagieren, wenn es plötzlich so weit sein sollte?
  • In welcher Form wird der Tod eintreten? Schleichend über eine Krankheit oder von einem Tag auf den anderen z.B. durch einen Infarkt oder Unfall?
  • Wird vorgängig das Thema Umzug in ein Alters- oder Pflegeheim ein Thema sein?
  • Was bedeutet dies für meine Eltern finanziell? Könnte es zu Engpässen kommen?
  • Was kommt da emotional, pflegerisch, organisatorisch & administrativ auf uns zu, wenn die Eltern immer betagter werden oder gar sterben?
Alles Dinge, die man nicht so genau weiss und über die man üblicherweise auch nicht redet. Bis dann der Tag X eintrifft und man darüber reden muss und zwar dann meistens in einer Notsituation oder unter Zeitdruck.
Sich vorher schon mit dem Thema Sterben und Tod zu befassen, sich einige Gedanken zu machen und sogar seine eigenen Wünsche zu äussern oder schriftlich festzuhalten, das würde so Vieles erleichtern und den Familienangehörigen einiges vom enormen Druck nehmen.

 

Wie ist/war das in deiner Familie? Wird/Wurde bei dir in der Familie vorgängig darüber gesprochen, ob z.B. im Falle eines Notfalls reanimiert werden soll oder gar keine lebensverlängernden Massnahmen gewünscht sind? Käme allenfalls eine Organspende in Frage? Oder was sind im Falle eines plötzlichen Todesfalls die Bestattungswünsche des Verstorbenen?
Mit meinen Eltern war der Fall so, dass Gespräche im voraus über das betagt werden, die Möglichkeit, dass sie zu einem Pflegefall werden könnten oder gar über ihren Tod und die letzten Wünsche zu sprechen, eher schwierig waren. Meine Mutter reagierte entweder so, dass sie einfach das Thema wechselte oder das Gespräch mit dem Satz „schauen wir mal“ abschloss ohne weiter darauf einzugehen oder dann reagierte sie so emotional, dass sie in Tränen ausbrach.
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Die einzigen beiden Dinge, die meine Mutter diesbezüglich immer wieder äusserte war:
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- dass sie nie in ein Heim gehen wird und
- dass sie nach dem Tod kremiert werden möchte.
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Immerhin war das schon mal etwas, aber nicht wirklich viel.
Ich wünschte mir oft, dass ich mit ihr offen über diese Themen hätte reden können; und ich probierte es von Zeit zu Zeit immer wieder, ob sie dazu bereit war. Aber da war nichts zu machen. Sie wollte oder konnte sich einfach nicht tiefer mit diesem Thema auseinander setzen. Ende der Durchsage. Und dies durfte ich einfach akzeptieren.
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Ich bin gespannt, wie ich diese Themen einmal angehe, wenn ich mal alt bin.
Werde ich selbst offen darüber reden und sogar meine Wünsche äussern oder schweige ich möglichst lange? 

 

Meine ganz persönliche Erfahrung mit dem Sterbeprozess & dem Tod meines Vaters
Mit zunehmendem Alter zeigte sich, dass meine Mutter eher körperlich und mein Vater eher geistig schwächer wurde. So ergänzten sich die beiden sehr gut. Zusammen waren sie "ein Ganzes". Diese Tatsache machte die beiden zwar voneinander abhängig, jedoch schweisste sie dies noch enger zusammen als sonst schon. Sie waren ein eingespieltes Team, in Symbiose.
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Mein Vater war 83jährig und schon seit einigen Jahren dement, als Ärzte im Spital herausgefunden haben, dass seine Schmerzen im Unterbauch nicht wie vom Hausarzt vermutet, von einer Divertikulitis (kleine Ausstülpungen des Dickdarms, welche sich entzünden und Schmerzen verursachen können) herrühren, sondern von einem grossen Dickdarm-Tumor. Bösartig. Fortgeschritten. Inoperabel. Ableger an Lunge & Leber.
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Das eine Telefon mit dem untersuchenden Arzt hatte alles verändert. Plötzlich war es die unabwendbare Realität. Das Ende würde für meinen Paps kommen und zwar schon bald…
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Die Ironie des Schicksals: Durch die Demenz, vergass mein Vater innerhalb weniger Minuten, wie seine Diagnose war und was ihn erwarten würde. Er lebte vorwiegend in der Gegenwart und vergass Zukunft und Vergangenheit. Dies half ihm in seiner Situation sehr.
Mein Bruder und ich reagierten relativ gefasst, da wir uns im Vorfeld schon damit auseinander gesetzt hatten, dass es was Ernsteres sein könnte und dass im Alter von 83 Jahren die Möglichkeit besteht, dass das Sterben zum Thema werden könnte.
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Meine Mutter wollte die Diagnose des Arztes nicht wahrhaben. Sie verdrängte die Realität mit aller Kraft und hoffte immer wieder auf Heilung, die jedoch in seinem Zustand einfach nicht mehr möglich war.
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Paps musste innert ein paar Tagen unter Vollnarkose eine Bauch-OP über sich ergehen lassen, die notwendig war, um den drohenden Darmverschluss und somit eine riskante Not-OP zu verhindern. Er bekam ein „Stoma“; einen künstlichen Darmausgang.
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Zusammen mit meiner Mutter entschieden wir, dass Paps vom Spital direkt ins Pflegeheim überwiesen werden sollte, wo er rund um die Uhr professionelle Pflege & Betreuung hatte, die meine betagte Mutter zu Hause alleine einfach nicht mehr zu bewerkstelligen vermochte.
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Die Eingewöhnung im neuen "zu Hause" verlief für meinen Vater reibungslos und ihm schien der Kontakt und Austausch mit den anderen Heimbewohner in seiner Gruppe und dem netten Personal gut zu tun. Ich würde sogar sagen, er blühte auf und war stets in guter Laune, sang viel und unterhielt alle mit seiner humorvollen Art.
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Für meine Mutter war dieser Schritt schwer und täglich flossen Tränen. Sie kämpfte sehr mit der aktuellen Situation, dass ihr langjähriger Lebenspartner nun im Heim lebt und konnte es nur schwer ertragen, dass ihr dies alles passierte. Sie litt sehr und irgendwie konnten wir ihr dieses Leid nicht abnehmen. Es war ihr persönlicher Ablösungsprozess, den sie durchleben musste.
Täglich besuchte meine Mutter für ein paar Stunden Paps. Dies wurde nun zu ihrer Hauptaufgabe im Leben. Mein Bruder & ich besuchten ihn regelmässig 1-3 mal pro Woche. Wir führten ihn im Park spazieren, gingen gemeinsam Kaffee oder ein Bier mit ihm trinken. Ein paar mal holten wir ihn auch vom Heim ab und feierten zu Hause gemeinsam Weihnachten, seinen 84. Geburtstag und auch Ostern. So hatte er viel Besuch und er freute sich sichtlich darüber.
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Manchmal vergassen wir fast, dass er todkrank war. Der Krebs liess ihn lange in Ruhe. Ab und zu klagte er über Schmerzen im Bauch, die sich jedoch mit einer Schmerztablette beruhigen liessen.
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Dann ging im Heim eine Grippe um, die meinen Vater sehr schwächte. Während rund 10 Tagen hatte er immer wieder Fieberschübe, er ass & trank kaum noch und sein Zustand verschlechterte sich drastisch. Das erfahrene Personal informierte uns eines Abends, dass es in seinem aktuellen Zustand jederzeit sein könne, dass er sterben würde.
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Innerhalb von wenigen Stunden gingen wir alle nochmals bei ihm vorbei, um uns bei ihm zu verabschieden. Wir waren uns im Klaren, dass er bald von uns gehen würde.
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Doch er wollte noch nicht gehen. Seine Zeit war noch nicht reif. Er erholte sich langsam aber stetig von dieser 10tägigen Grippe. Zwar war Paps unterdessen sehr abgemagert und geschwächt. Sein Humor jedoch hatte ihn nicht verlassen.
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Nach dieser Grippe ass er täglich nur noch ein paar kleine Häppchen und musste zum Trinken animiert werden… Nichts war mehr übrig vom früheren Genussmensch, der das Essen so liebte! Der Appetit blieb aus, das Essen wurde zum Kampf… seine Kilos purzelten stetig… von den einst 90kg Körpergewicht waren es jetzt lediglich noch 48… wie zerbrechlich, abgemagert und geschwächt er doch aussah. Aber seinen Humor, seine Lust am Singen blieben bestehen und seine wunderschönen blauen Augen leuchteten weiterhin.
Dann an einem Donnerstag Ende April 2017 informierte mich eine Pflegerin, dass er einen sehr schlechten Tag hatte. Er verweigerte sämtliche Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, war apathisch und klagte oft über starke Schmerzen im Bauch. Zur Linderung verabreichten sie ihm nun Morphium-Tropfen, die ihn sehr sedierten. Dieser Zustand verbesserte sich nicht mehr. Die Schmerzen wurden sogar noch stärker, so dass sie ihm alle 6 Stunden Morphium spritzten, damit er keine Schmerzen erleiden musste.
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Wir alle waren so oft wie nur möglich bei ihm. Durch das Morphium war er nicht mehr ansprechbar… manchmal reagierte er mit einem Augenaufschlag oder mit schwachem Händedruck… aber immer seltener, schien er noch „auf unserer irdischen Seite“ zu sein… mehr und mehr entwich das Leben aus seinem Körper. Er atmete zwar kraftvoll und sein Herz schlug regelmässig. Doch es war spürbar, dass sein Leben nun ein Ende nahm.
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Wir alle wechselten uns ab, um an seiner Seite zu sein, ihm ab und zu mit einem Wattestäbchen den trockenen Mund zu befeuchten, ihn sanft zu berühren, damit er spürte, dass er nicht alleine war. Es wurden letzten Worte und Dank ausgesprochen. Ach, er war so ein herzensguter, humorvoller und liebevoller Vater und Ehemann!
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Dann am 6. Tag ohne einen Schluck Wasser oder etwas zu essen, mein Bruder, ich und meine Tochter haben kaum eine Stunde das Heim verlassen, entschied er sich, im Beisein seiner geliebten Elena, den letzten Atemzug zu nehmen und sanft von dieser Welt zu gehen…
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In dem Moment, wo wir den Sterbenden bejubeln, dass er/sie in unserem Leben da war.
In dem Moment können wir ihn/sie in Dankbarkeit wieder gehen lassen. 
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Kurze Zeit später trafen mein Bruder & ich wieder bei meiner Mutter und unserem kurz vorher verstorbenem Vater ein. Es war ein so friedlicher Moment und ich war dankbar, dass er nun erlöst war und wieder "zurück nach Hause" gehen konnte.
Im Beisein einer Pflegeperson durften wir meinen Vater waschen und ihm seinen Lieblings-Anzug anziehen und ihn so betten, dass er ganz hübsch für seinen letzten Gang aussah.
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Bei diesem Akt, als ich den toten Körper meines Vaters berührte, nahm ich so richtig intensiv wahr, dass unser Körper wirklich nur eine Hülle ist, die von unserer Seele beseelt wird. Und dass beim Sterben die Seele einfach nur den Körper ablegt. Dies ist mir so richtig tief eingefahren.
Am anderen Morgen waren wir alle auch wieder dabei, als zwei Mitarbeiter des Bestattungsinstitut meinen Vater in den Sarg betteten. Wir verabschiedeten uns nun endgültig von ihm und haben abschliessend frische Blumen und persönliche Geschenke überall im Sarg verteilt, bevor er dann mit dem Auto abtransportiert wurde.
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Es war für mich enorm wichtig, bei all diesen Schritten hautnah dabei sein zu können. Ich wusste im Vorfeld nicht, wie ich darauf reagieren würde. Ich hätte jederzeit sagen können, dass es mir zu viel ist und ich es nicht ertrage.
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Ich habe mich von einer ganz neuen Seite kennen gelernt... ja, und ich staune sogar über mich selber, wie gelassen ich in diesen sehr intensiven Momenten war !
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Ich fühle tiefen Frieden, Dankbarkeit & Liebe ! Es ist alles gut, so wie es ist.
"Denke Dir ein Bild - weites Meer. 
Ein Segelschiff setzt seine weissen Segel und gleitet hinaus in die offene See. 
Du siehst, wie es kleiner und kleiner wird.
Wo Wasser und Himmel sich treffen, verschwindet es.
Da sagt jemand: "Nun ist es gegangen".
Ein anderer ruft: "Es kommt". 
Der Tod ist ein Horizont, und ein Horizont ist nichts als die Grenze unseres Sehens. 
Wenn wir um einen Menschen trauern, freuen sich andere, Ihn wiederzusehen“. 
 
[Autor unbekannt]

 

 

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Bevor ich nun diesen langen Blogpost abschliesse, möchte ich dir noch ein paar weitere Impulse mit auf den Weg geben:
  • Geburt und Tod gehören zusammen. Wer geboren wird, wird eines Tages sterben. Das ist ganz natürlich.
  • Der Tod lehrt uns, dass Dinge ein Ende haben.
  • Im Angesicht des Todes sehen wir, was wirklich zählt im Leben.
  • Hast du dir schon mal überlegt, ob es zwischen dir und deinen Eltern oder anderen geliebten Menschen (Partner, Kinder, Geschwister, Freunde) noch ‚unerledigte Dinge‘ oder Ungereimtheiten gibt, die du bereinigen, ansprechen oder vergeben möchtest, bevor es zu spät ist?
Der Tod kann eines unserer wertvollsten Geschenke sein…
… weil er uns weckt und uns daran erinnert, was wirklich wichtig ist im Leben
… weil er uns klar macht, dass unsere Zeit auf der Erde limitiert ist
… weil er uns ermöglicht, das Leben in seiner ganzen Schönheit und Tiefe zu erfahren
… weil er uns lehrt, dass es unsere Aufgabe ist, zu leben, bevor man stirbt

 Ich grüsse dich ganz herzlich,   Sabrina

Ich freu mich immer auf einen Kommentar oder deine private Nachricht !

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Peter Zurcher (Montag, 15 Mai 2017 14:21)

    Sehr schoen geschrieben.